Ein Gedankenexperiment

Ingo Stoll • 31. Mai 2026

Lebensgeschichten hören oder lesen - macht das einen Unterschied?

Die Brücke der Biografie zur Audiografie

Wenn es in Gesprächen um die Audiografie geht, bemühe ich zur Erläuterung oft den Vergleich zur schriftlichen Biografie in Buchform. Diese Analogie schafft einen guten Einstieg zu einer ersten Vorstellung vom audiografischen Pendant, in dem ebenfalls eigene Erlebnisse, Erinnerungen und Reflexionen als Lebensgeschichte erzählt und bewahrt werden können.

Aber macht es eigentlich einen Unterschied, ob die eigene Lebensgeschichte zum Zuhören erzählt oder zum Mitlesen aufgeschrieben wird?


Wenn man an das umfangreiche Angebot an Hörbüchern denkt, dann sollte man meinen, dass es im Wesentlichen nur um die Frage der eigenen Präferenzen in des adressierten Publikums ginge: die einen lesen lieber, die anderen hören lieber dem Gelesenen zu.


Die Analogie zu bekannten Hörbüchern trägt allerdings zur Annäherung an die Audiografie nicht, denn - anders als bei Hörbüchern - bedeutet Audiografie nicht, dass ein schriftlich verfasster Text vorgelesen bzw. eingesprochen wird.


Das Ausgangsmaterial einer Audiografie sind ausschließlich persönliche Erzählungen mit der eigenen Stimme, die in der Regel im Gespräch mit einer Audiografin bzw. einem Audiografen erfolgen und als Tondokumente aufgezeichnet werden. Es werden daraus keine Texte verfasst.

Starten wir ein Gedankenexperiment

Nähmen wir an, eine Lebensgeschichte würde in zwei inhaltsgleichen Varianten vorliegen:

A. als
selbstverfasster Text eines Buches (zum Lesen) und
B. als
selbsterzählte Audiografie (zum Zuhören)


Wir blenden aus, ...

  • dass das Erzählen im Gespräch und das Aufschreiben der eigenen Memoiren zwei unterschiedliche Erfahrungen sein würden.
  • dass vermutlich Formulierungen abweichen würden.
  • dass die Erzählenden wie die Rezipienten sicher persönliche Präferenzen zugunsten von Schreiben/Lesen bzw. Erzählen/Zuhören hätten. 


Wir unterstellen in beiden Fällen eine qualitativ identische, ansprechende und berührende Gestaltung. Wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Wirkung der beiden Varianten auf die Lesenden bzw. Zuhörenden (Publikumsresonanz).

Und - das ist mir wichtig: es geht hier nicht um eine Wertung im Sinne von "besser oder schlechter".

Die Kraft der Vorstellung

Alle, die den Roman "Das Parfum" von Patrick Süskind gelesen haben, wissen, dass Texte eine enorme Kraft besitzen und wird buchstäblich in der Lage sind, beschriebene Gerüche beim Lesen wahrzunehmen. Gute Literatur kann absolut plastische innere Bilder erzeugen und unsere Vorstellungskraft anregen. Wir sehen beschriebene Szenen, Orte und Personen beim Lesen vor unserem inneren Auge ganz deutlich. Das gilt auch in unserem Gedankenexperiment für die angenommene Lebensgeschichte.


Um es konkret zu machen, gehen wir in zwei potenzielle Kapitel dieser Lebensgeschichte hinein:

1. Wir lesen von
Kindheitserinnerungen an das Elternhaus (ein Bauernhof in der ostpreussischen Provinz der 1930er Jahre)
2.  Wir lesen vom ersten
Wiedersehen mit diesem Ort 60 Jahre später (im Herbst 1995).


Zwischen diesen beiden Kapiteln liegt ein Leben mit Erfahrungen von Flucht, Armut, Neuanfang, Liebe, Aufstieg und Familie - in all ihren Facetten.

Was passiert beim Lesen?

Wenn wir das erste Kapitel lesen würden, dann würden wir innere Bilder des alten Bauernhauses vor uns sehen. Wir könnten das Kind erkennen, dass sich in der Scheune versteckt, mit dem Vater auf dem Pferdekarren hockt, den zotteligen Hofhund "Piro" streichelt und der strengen Erziehung trotzt. Ebenso würden wir vermutlich verstehen, warum die verschneiten Felder und Wälder auch heute noch eine magische Anziehungskraft auf diesen Menschen besitzen und eine Schlittenfahrt in der Pferdekutsche zeitlebens zu den Ritualen jedes Winterurlaubs gehörte.


Und wenn wir das zweite Kapitel zur ersten und einzigen Rückkehr an den Ort der Kindheit 60 Jahre später lesen würden, würden wir nachvollziehen, dass es sehr gemischte, aufwühlende und zum Teil schmerzhafte Emotionen sind, die damit verbunden sind. Wir erführen, dass sich nur drei Kilometer auf dem Feldweg nach Westen das größte Trauma im Leben des Erzählenden zugetragen hat: Ein Kind musste die Erschießung des eigenen Vaters durch russische Soldaten mitansehen. 


Ich schätze, bereits diese zwei kleinen Absätze ohne jegliche literarische Qualität erzeugen beim Lesen innere Bilder und Emotionen.

Was wäre anders, wenn wir die gleiche Erzählung hören würden?

Die Antwort ist zunächst vermeintlich einfach:
Wir würden die Stimme des Menschen dazu hören.


Wir würden also nicht nur hören, was erzählt würde, sondern wie.


Die inneren Bilder durch die Erzählung wären vermutlich die gleichen. Wieder würden wir vor unserem inneren Auge Bauernhof, Pferdekutschen, den Hund und die verschneiten Landschaften visualisieren.


Zusätzlich jedoch würde uns die Stimme eine ganze Reihe von Zwischentönen, Atempausen und Schwingungen mitliefern. Wir würden instinktiv noch näher an die Person heranrücken. Unsere Fähigkeit zur Empathie ermöglichte uns ein noch direkteres Mitfühlen und Miterleben, was deutlich über die innere Visualisierung von Bildern hinausginge.

Unsere Stimme ist einmalig und unverwechselbar. Sie ist ein Merkmal unserer Persönlichkeit und mindestens so signifikant wie unser Fingerabdruck. Sie ist der Spiegel unserer Seele und unseres Gefühlszustandes. Und wenn wir spontan erzählen, dann ist sie unverfälscht, nicht manipulativ und absolut authentisch im Moment.

Natürlich lässt sich auch mit Stimme gestalten. Mit der Stimme "zu lügen" bedeutet allerdings für die Allermeisten von uns deutlich mehr Übung oder schauspielerisches Talent. Ein Satz oder Absatz ist bei vorsätzlichem Ansatz leichter "alternativ" aufgeschrieben als überzeugend erzählt. Unsere Stimme verrät meist weit mehr über uns, als uns bewusst ist.

In einer Audiografie würden wir vielleicht nicht nur 3-dimensionale Räume betreten, sondern 4-dimensionale. Wir fühlen instinktiv das Erlebte, Erinnerte und die Resonanzen, die damit unweigerlich verbinden sind.

Die Tatsache, dass wir keinen Film und keine Bilder in einer Audiografie gereicht bekommen, verstärkt diese Wirkung zusätzlich. Wir bleiben in der Welt unserer eigenen, inneren Bilder - getragen durch die authentische Stimme des Erlebens. Hier braucht erst keine weitere Inszenierung durch Filmszenen, Filmmusik und Geräuschkulisse. Wir konzentrieren uns ohne Ablenkung auf die Erzählung und den Menschen, der erzählt.

Die Möglichkeit des eigenen Wiedererlebens

Und einen weiteren Effekt hätte die audiografische Variante vermutlich noch im Unterschied zur literarischen Fassung: die absolute Lebendigkeit.

Auf diese Eigenart bin ich in einem Gespräch mit
Ilka Seehausen in einer unserer Sessions der Ausbildung zur Audiografin gestoßen.

Audiografien richten sich in der Regel an ein sehr besonderes Publikum: die eigene Familie und einen engeren Kreis an Freunden und Vertrauten. Es kommt daher nicht selten vor, dass die Erzählung und geschilderte Erinnerungen gemeinsam mit anderen erlebt wurden. Es sind geteilte Erlebnisse, an die sich die Zuhörenden selbst erinnern können.

Im Fall unseres Gedankenexperimentes könnte es also durchaus sein, dass sich eine Schwester oder ein Bruder ebenfalls an das Elternhaus und Szenen der damaligen Zeit in Ostpreussen erinnern können. Gleiches könnte für eigene Kinder oder sogar Enkelkinder gelten, die vielleicht die Reise 60 Jahre später an den Ort der Kindheit begleitet oder sogar initiiert haben.

In diesen Fällen trifft die Resonanz der audiografischen Erzählung nicht auf dadurch erst erzeugte innere Bilder, sondern auf vorhandene eigene Erinnerungen. Hören eine Erlebnisschilderung, an der wir beteiligt waren, so gehen wir automatisch in die damalige Szene zurück. Wir erleben eine eigene Erfahrung erneut.

Die Audiografie nutzt neben der Erzählstimme auch musikalische Elemente und sogar atmosphärische Geräusche. Diese können in besonders starken Form ein Wiedererleben forcieren.

Stellen wir uns vor, dass im damaligen Bauernhaus eine Standuhr existierte, deren Klang zur vollen Stunden aufgrund einer kleinen Beschädigung in unverwechselbarer Form leicht verzerrt wurde. Und nehmen wir an, diese Standuhr wurde nach 60 Jahren durch einen Zufall in einem Antiquitätenladen wiederentdeckt - und ihr Klang zur vollen Stunde würde in der Audiografie wieder lebendig ... welche emotionale Kraft würde dadurch beim Zuhören entfesselt werden können?

Wer diese Uhr einmal in der Bauernstube gehört hat, wird sich unmittelbar an diesen Raum erinnern. Mehr noch: der wird nach dem ersten Schlag sofort wieder in genau diesem Raum stehen. Das ist eine andere Qualität von Wiedererleben.

Ich selbst kann mich an Szenen aus der Reise mit meinen Kindern erinnern, wie beispielsweise den Tag am einsamen See, von dessen Steg die Kleinen unter lautem Gebell unseres Hundes "Elmo" ins Wasser gesprungen sind. Von genau diesen Momenten existiert eine Audioaufnahme. Höre ich diesen Mitschnitt, denn sitze ich buchstäblich wieder auf den Bohlen des Holzsteges. Alles ist wieder da. Und alles in Farbe und 3D.

Ultimative Präsenz und Lebendigkeit über die Zeit

Ein letzter Gedanke noch:
Welche Rolle spielt die Zeit des Lesens bzw. Zuhörens? Was wäre, wenn seit der Erscheinung einer Lebensgeschichte als Buch oder als Audiografie 10, 20 oder 50 Jahren vergangen wären?

Zweifelsfrei dürfen wir davon ausgehen, dass sich die Sprache in den Jahrzehnten weiterentwickelt hätte. Einige Formulierungen würden uns als zukünftiges Publikum vermutlich ungewöhnlich, vielleicht sogar antiquiert vorkommen. Nichtsdestoweniger würden wir den Sinn und Inhalt sicher vollständig erschließen.

Beim Lesen hören wir im Kopf eine eigene Stimme, die Zeilen und Worte formuliert - und zwar unsere Stimme. Wir "sprechen" die Worte unhörbar nach aussen, aber deutlich nach innen aus. Dementsprechend müssen wir den Worten auch eine Betonung, eine Bedeutung und einen sprachlichen Rhythmus geben.

Liegen die Erzählungen ausserhalb unserer eigenen Erlebniswelt, so macht die geschriebene Sprache einer vergangenen Zeit es zusätzlich schwerer, die vorhandenen Zwischentöne zu erkennen und richtig zu setzen. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, stärker auf Interpretation angewiesen, je größer die zeitliche Distanz zum erzählten ist.

Man mag einwenden, dass William Shakespeares "Romeo und Julia" seit ihrer Uraufführung 1597 nichts an Kraft, Berührung und Dramatik verloren hat. Für absolute Meisterwerke soll das gerne gelten. Für die privaten Lebensgeschichten, die nicht erdacht und in meisterhafter Dreiakterprosa erzählt werden, darf es jedoch bezweifelt werden.

Und wie verhält es sich bei einer Audiografie?

Auch hier mögen Sprachbilder und Formulierungen über die Zeit beim Publikum zu deutlich spürbarer Verortung in einer anderen Epoche führen. Da die Stimme aber immer authentisch im Moment erzählt, bleiben alle Zwischentöne und vermittelten Emotionen lebendig - und zwar für immer.

Wenn ein Mensch aus dem Herzen erzählt, wenn die Stimme leuchtet, bricht oder versagt, dann erleben wir beim Zuhören diese Resonanz in maximaler Präsenz. Dieses Momentum kann unmöglich verblassen.

Fazit

Macht es also einen Unterschied, ob wir eine Lebensgeschichte lesen oder hören?
Ja, ich denke, das macht es - vor allem bedingt durch die unverwechselbare Stimme.

Gibt es daraus folgend eine Botschaft?
Im Grunde bleibe ich dabei: es gibt kein besser oder schlechter, kein richtig oder falsch bei der Wahl des persönlichen Formates für die eigene Lebensgeschichte. Jede dokumentierte Lebensgeschichte hat ihren Wert - für den Erzählenden und für die, die sie als Geschenk bewahren und fortführen können. Die Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse lassen sich in beiden Varianten von literarischer und audiografischer Erzählung umfänglich, differenziert und plastisch beschreiben.

Falls es in der Projektmotivation jedoch darum geht, nicht nur biografische Erlebnisse zu dokumentieren, sondern als Persönlichkeit lebendig zu bleiben, dann würde ich persönlich auf die eigene Stimme als Kern einer audiografischen Erzählung nicht verzichten wollen.

Worte beschreiben ein Leben.

Stimme bewahrt Gegenwart.

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